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NHM Steinarchiv weltweit geehrt

Mineralogisch-Petrographische Abteilung der Baugesteinsammlung 01

Die Bau- und Dekorgesteinssammlung des Naturhistorisches Museum Wien zählt ab sofort zu den bedeutendsten erdwissenschaftlichen Sammlungen weltweit. Die International Union of Geological Sciences (IUGS) verlieh ihr das Prädikat „IGUS Geocollection“. Für die Baupraxis, Denkmalpflege und Restaurierung ist das mehr als eine symbolische Auszeichnung: Die Sammlung fungiert als belastbare Referenzdatenbank historischer Baustoffe.

Globale Referenz für Bau- und Naturstein

Mit dem Programm „IGUS Geocollection“ verfolgt die IUGS das Ziel, geologische, paläontologische und mineralogische Sammlungen weltweit zu evaluieren, zu vernetzen und sichtbar zu machen. Die Auszeichnung erhalten nur Einrichtungen mit herausragender wissenschaftlicher Qualität und Dokumentationstiefe. Zuständig für Standarddefinition und Evaluierung ist die Subcommission on Geocollections unter Leitung von Mathias Harzhauser, Direktor der Geologisch-Paläontologischen Abteilung des NHM Wien.

Erdwissenschaftliche Sammlungen gelten als „Archive der Geschichte der Erde“. Im konkreten Fall wird daraus ein praxisnahes Werkzeug: Die Wiener Bau- und Dekorgesteinssammlung bildet ein „Steinarchiv“ der Architekturgeschichte, das Materialien, Herkunft und Verwendung historischer Bauwerke nachvollziehbar macht.

Von der Monarchie bis zur Gegenwart

Der Bestand umfasst überwiegend Natursteine, meist formatiert und einseitig poliert. Ergänzt wird er durch künstliche Produkte wie Stuckmarmor, Ziegel und Dachschindeln. Die Objekte repräsentieren Bau- und Dekorsteine, die in Österreich – und teilweise international – verbaut wurden. Besonders relevant für Fachanwender ist die nahezu vollständige Abdeckung der Gesteinsquellen der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie.

Mineralogisch-Petrographische Abteilung der Baugesteinsammlung 02
Mineralogisch-Petrographische Abteilung der Baugesteinsammlung im Naturhistorischen Museum Wien

Initiiert wurde die Sammlung von Felix Karrer (1825–1903), einem frühen „Citizen Scientist“ am NHM Wien. Auslöser waren die Schenkung eines Steinkatalogs der Union-Baugesellschaft im Jahr 1878 sowie die Idee des Geologen Eduard Suess, dekorative Steine systematisch geologisch zu ordnen. Die ältesten Stücke reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück und stammen aus der Sammlung von Schloss Ambras in Innsbruck. Bis heute wächst der Bestand kontinuierlich, vor allem durch Schenkungen aus Architekturbüros und dem Steinmetzgewerbe.

Präzise Daten für Restaurierung und Planung

Die Sammlung ist strikt nach geologischer Gesteinsklassifikation, Fundort und Inventarnummer strukturiert. Etiketten und Inventarbücher liefern Detailinformationen zum ursprünglichen Steinbruch, zum Einsatzort im Bauwerk, zu Schenker oder Verkäufer sowie zum Erwerbsjahr. Diese Tiefe macht die Sammlung zu einer „steinernen Datenbank historischer Gebäude“.

Für Architektinnen, Kunsthistorikerinnen und Restaurator*innen bedeutet das konkret: Originalmaterialien lassen sich identifizieren, Ersatzmaterialien fachgerecht bestimmen und historische Bauweisen besser rekonstruieren. Gleichzeitig bietet die geologische Systematik einen didaktischen Zugang für Ausbildung und Öffentlichkeitsarbeit.

Ausstellung und Digitalisierung

Repräsentative Stücke sind im Saal I des NHM Wien in neun Vitrinen ausgestellt. Die Präsentation wurde 2015 im Zuge des Jubiläums der Wiener Ringstraße neu konzipiert. Parallel dazu wurde die Sammlung digitalisiert. Über die europäische Plattform Europeana sind ausgewählte Objekte online zugänglich, was die internationale Vernetzung zusätzlich stärkt.

Kuratorisch betreut wird die Sammlung von Priv.-Doz. Dr. Lidia Pittarello. Im Rahmen einer Spezialführung erhalten ausgewählte Teilnehmer Einblick in den sonst nicht zugänglichen Tiefspeicher – inklusive Kontext zu Herkunft, Materialeigenschaften und bauhistorischer Bedeutung der Exponate. Für Fachleute eröffnet sich damit eine seltene Gelegenheit, die Schnittstelle zwischen Geologie und Baupraxis direkt zu erleben.

www.nhm.at

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