Rund 45.000 Kilometer, etwa 30 Länder und fünf Kontinente: Tobias Wagner will mit einem Mercedes-Benz eActros 600 in rund einem Jahr einmal um die Welt fahren. Wenige Tage nach dem Start auf der IAA Transportation in Hannover machte der als „Elektrotrucker“ bekannte Berufskraftfahrer Station in Wien. Sein Ziel: Mit weniger als 80 Ladungen zeigen, was batterieelektrischer Fernverkehr heute bereits leisten kann.
eActros 600 soll mit 80 Ladungen um die Welt
Am 20. September startete Tobias Wagner seine ungewöhnliche Expedition in Hannover. Die erste Etappe führte den Elektrotrucker über Tschechien und Österreich weiter in Richtung Südosteuropa und Türkei. Danach soll die Route durch Europa, Asien, Australien sowie Nord- und Südamerika führen. Änderungen an der Strecke sind während der Reise möglich.
„Mit dieser Weltreise möchte ich herausfinden, wie weit wir wirklich sind“, sagt Wagner. Dabei will er sowohl Regionen erreichen, in denen Elektromobilität bereits etabliert ist, als auch Gebiete, in denen die Ladeinfrastruktur noch Grenzen setzt.

Gerade diese unterschiedlichen Rahmenbedingungen machen die Tour auch aus technischer Sicht interessant. Auf rund 45.000 Kilometern treffen unterschiedliche Stromnetze, Ladeangebote, Verkehrsbedingungen und klimatische Verhältnisse aufeinander. Wagner will dokumentieren, wie sich ein batterieelektrischer Fernverkehr-Lkw unter diesen Bedingungen im Alltag bewährt.
Das Expeditionsfahrzeug basiert auf einem serienmäßig produzierten Mercedes-Benz eActros 600 aus dem Werk Wörth am Rhein. Für die Weltreise wurde der Lkw unter anderem mit einem Wohnmobil-Aufbau und zusätzlicher Ladetechnik ausgestattet. Eine eigene DC-Ladestation ermöglicht es Wagner, in bestimmten Situationen auch an Wechselstrom-Steckdosen zu laden.
621 kWh Batteriekapazität und rund 500 km Reichweite
Der serienmäßige eActros 600 verfügt über drei Batteriepakete mit einer installierten Gesamtkapazität von 621 kWh. Bei einem praxisnahen Gesamtzuggewicht von 40 Tonnen gibt Mercedes-Benz Trucks eine Reichweite von rund 500 Kilometern ohne Zwischenladen an.
Für den Weltreisenden ist damit nicht allein die Reichweite entscheidend. Eine zentrale Frage lautet vielmehr, wo und unter welchen Bedingungen die benötigte Energie verfügbar ist. Genau hier treffen die technischen Möglichkeiten des Fahrzeugs auf die vorhandene Ladeinfrastruktur entlang der Route.
Wagner möchte deshalb nicht nur Kilometer sammeln, sondern praktische Erfahrungen mit unterschiedlichen Ladebedingungen dokumentieren. Die geplanten weniger als 80 Ladevorgänge für rund 45.000 Kilometer machen das Lademanagement zu einem zentralen Bestandteil der Expedition.
Elektromobilität im österreichischen Fernverkehr
Der Zwischenstopp in Wien bot zugleich Anlass für einen Blick auf den batterieelektrischen Straßengüterverkehr in Österreich. Nach Angaben von Daimler Truck Austria sind hier bereits rund 350 batterieelektrische Mercedes-Benz Trucks im Einsatz. Zusammen haben diese Fahrzeuge rund 17 Millionen Kilometer zurückgelegt.
Bernhard Rusch, CEO von Daimler Truck Austria, sieht die Technologie deshalb bereits in der praktischen Anwendung: „Die Fahrzeuge sind serienreif und im realen Kundeneinsatz unterwegs. Jetzt müssen die Rahmenbedingungen nachziehen, damit die Transformation in die Breite kommt.“

Als wesentliche Voraussetzungen nennt Rusch den Ausbau der Ladeinfrastruktur und leistungsfähige Stromnetze. Hinzu kommen schnellere Genehmigungsprozesse sowie wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die Investitionen in lokal emissionsfreie Transporte unterstützen sollen.
Damit verschiebt sich die Diskussion zunehmend von der reinen Fahrzeugtechnik auf das Gesamtsystem aus Fahrzeug, Route, Energiebedarf, Ladepunkt und Netzanschluss.
eConsulting analysiert Strecken und Ladebedarf
Wie sich ein Elektro-Lkw wirtschaftlich und technisch in einen konkreten Fuhrpark integrieren lässt, hängt stark vom jeweiligen Einsatzprofil ab. Daimler Truck Austria unterstützt Transportunternehmen deshalb mit eConsulting. Dabei werden unter anderem Strecken, Energiebedarf, Reichweite und vorhandene oder benötigte Ladeinfrastruktur analysiert.
Thomas Weiss, eConsultant bei Daimler Truck Austria, beschreibt den Ansatz so: „Elektromobilität funktioniert nicht nach einem Standardschema. Wir schauen uns gemeinsam mit unseren Kunden den konkreten Einsatz an, analysieren Strecken, Energiebedarf und Lademöglichkeiten und entwickeln daraus eine passende Lösung.“
Genau diese Faktoren spielen auch bei der Weltreise von Tobias Wagner eine Rolle. Allerdings sind die Rahmenbedingungen auf seiner Route wesentlich vielfältiger als bei einem definierten täglichen Transportauftrag. Unterschiedliche Länder und Regionen bringen jeweils eigene Voraussetzungen bei Stromversorgung und Ladeinfrastruktur mit.
Die Expedition soll dadurch praktische Erkenntnisse liefern: Wo reicht die vorhandene Infrastruktur bereits aus? Wo werden zusätzliche Lademöglichkeiten benötigt? Und wie gut lässt sich ein batterieelektrischer Lkw auch abseits etablierter E-Lkw-Routen einsetzen?
Für Wagner ist die Reise daher zugleich Praxistest und Dokumentation. Seit 2024 ist der Berufskraftfahrer im elektrischen Fernverkehr unterwegs und berichtet über seine Erfahrungen in sozialen Medien. Mit der Weltreise will er die Einsatzmöglichkeiten batterieelektrischer Fernverkehrstechnologie unter unterschiedlichen geografischen, klimatischen und infrastrukturellen Bedingungen sichtbar machen.

