Die Bau- und Immobilienwirtschaft steht vor einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Regulatorische Anpassungen auf EU-Ebene, steigender Ressourcenbedarf, ambitionierte Klimaziele und ein anhaltender Wohnraummangel treffen auf eine konjunkturell angespannte Marktsituation. Vor diesem Hintergrund brachte Saubermacher führende Vertreter:innen aus Bauwirtschaft, Finanzsektor, Industrie und Planung in Wien zusammen, um Kreislaufwirtschaft im Bausektor als wirtschaftliche Chance zu diskutieren.
Foto oben v.l.n.r.: Christoph Sedivy, Geschäftsführer ContraCon (Pittel+Brausewetter); Berthold Kren, Segmentleiter Österreich Saubermacher; Hans Roth, Saubermacher-Gründer; Stephan Roth, Aufsichtsrat Saubermacher; Hadi Teherani, Architekt; Franz Wall, Geschäftsführer ELK KAMPA; Bernadette Triebl-Wurzenberger, Geschäftsführerin Wastebox GmbH; Michael Jelencsits, Head of Sustainable Climate Solutions Drees & Sommer; Christian Mlinar, Experte Umwelttechnik und Abfallwirtschaft Bernegger.
EU-Regulierung: Entlastung ohne Richtungswechsel
Ausgangspunkt der Diskussion waren die jüngsten Änderungen durch die EU-Omnibusverordnung, die zentrale Elemente der CSRD und der EU-Taxonomie zeitlich verschieben und teilweise inhaltlich entschärfen. Der Grundtenor der Veranstaltung fiel dennoch positiv aus: Kurzfristige Entlastungen bei Berichtspflichten ändern nichts an der strategischen Zielrichtung.

Nachhaltigkeit, ESG-Kriterien und Zirkularität bleiben zentrale Leitplanken für den Bausektor. Erst kürzlich wurde mit dem Beschluss des Nachhaltigkeitsberichtsgesetzes im österreichischen Nationalrat die CSRD in nationales Recht überführt. Ergänzend wurde mit dem VSME-Standard ein freiwilliger EU-weiter Nachhaltigkeitsberichtsrahmen für kleine und mittlere Unternehmen geschaffen, die nicht berichtspflichtig sind, aber ihren Geschäftspartnern dennoch strukturierte Nachhaltigkeitsdaten zur Verfügung stellen möchten.
Bausektor als Schlüssel für Klimaziele
Mit rund 360.000 Beschäftigten und einem Umsatz von über 72 Milliarden Euro (2023) zählt die österreichische Bauwirtschaft zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen des Landes. Gleichzeitig ist sie einer der ressourcenintensivsten: Im Jahr 2023 entfielen 73 Prozent des gesamten Abfallaufkommens – rund 49 Millionen Tonnen – auf Bau- und Abbruchabfälle.
Kreislauffähiges Bauen gilt daher als zentraler Hebel, um Klimaziele zu erreichen und die Abhängigkeit von Primärrohstoffen zu reduzieren. Verankert in CSRD und EU-Taxonomie kann Zirkularität im Bauwesen – trotz erhöhtem Dokumentationsaufwand – als Wettbewerbsvorteil verstanden werden. Durch die wachsende Verfügbarkeit vergleichbarer Daten entsteht erstmals eine belastbare Entscheidungsgrundlage, die durch Digitalisierung gezielt genutzt werden kann.
Wohnraummangel, Investitionsdruck und Fachkräfteengpass
Gleichzeitig hemmen strukturelle Engpässe die Bauaktivität. Steigende Preise und verhaltene Investitionen haben europaweit zu einer Vielzahl nicht realisierter Bauprojekte geführt, insbesondere im Wohnbau. EU-weit fehlen derzeit mindestens eine Million Wohneinheiten. Eine spürbare Markterholung wird frühestens ab 2027 erwartet.
Ein weiterer limitierender Faktor ist der Fachkräftemangel: Rund 70 Prozent der österreichischen Unternehmen berichten über Schwierigkeiten in der Personalrekrutierung. Gefragt sind daher Strategien, die Produktivitätszuwächse trotz Personallücken ermöglichen. Potenzielle Hebel liegen im Einsatz von künstlicher Intelligenz zur Verkürzung von Planungszeiten, in der Reduktion von Fehlerquoten, in stärkerer Mitarbeiterbindung sowie in einem erweiterten Recruiting-Fokus – etwa mit Blick auf Osteuropa.
Kreislaufwirtschaft braucht Daten, Infrastruktur und Markt
Berichterstattung allein reicht jedoch nicht aus, um Kreislaufwirtschaft wirksam umzusetzen. Die EU-Taxonomie fordert für Bau- und Abbruchaktivitäten, dass mindestens 70 Prozent der nicht gefährlichen Abfälle wiederverwendet oder recycelt werden. Voraussetzung dafür ist eine saubere Trennung, Dokumentation und gezielte Verwertung der Materialien bereits während Rückbau und Bauphase.
Systemdienstleister wie Wastebox.biz unterstützen Unternehmen bei der Überwachung und Dokumentation der Abfallströme und schaffen damit die notwendige Transparenz für Taxonomie- und Reportinganforderungen. Wie regulatorisch getriebene Transformation gelingen kann, zeigen auch die Recyclinggips-Verordnung und das Deponieverbot für Gipskartonplatten.
Mit der geplanten Inbetriebnahme des Recyclingwerks in Stockerau im Herbst 2025 schafft die GzG Gipsrecycling GmbH – ein Joint Venture von PORR, Saint-Gobain und Saubermacher – den ersten geschlossenen Gipskreislauf Österreichs. Damit wird die gesetzlich erforderliche Recyclinginfrastruktur erstmals flächendeckend verfügbar gemacht.
Nachfrage als entscheidender Erfolgsfaktor
Ein funktionierender Markt bleibt jedoch Voraussetzung für den Durchbruch der Kreislaufwirtschaft. Solange Primärrohstoffe günstiger sind als hochwertige Sekundärmaterialien, bleibt deren Einsatz wirtschaftlich herausfordernd. Erst mit steigender Nachfrage nach recycelten Baustoffen kann sich ein stabiler Markt für Sekundärrohstoffe etablieren.
Teamplay statt Einzelkämpfer
Das Fazit der Veranstaltung ist eindeutig: Zirkuläres Bauen steht nicht vor dem Aus, sondern gewinnt weiter an strategischer Bedeutung. Die Kombination aus Wohnraumbedarf, Ressourcendruck und ESG-Fokus von Investoren macht Kreislaufwirtschaft zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
Erfolgreich ist dieser Wandel jedoch nur im Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Regulierung. Oder wie es Hans Roth, Gründer von Saubermacher, formuliert:
„Kreislaufwirtschaft am Bau ist nur gemeinsam mit der Industrie möglich. Als Entsorgungsunternehmen braucht es dafür Mut zur Innovation. Doch ich bin überzeugt, dass wir mit unseren Partnern gemeinsam Akzente setzen können – auf dem Weg zu unserer Vision von Zero Waste.“
