Der Ausbau der Wiener U-Bahn liefert nicht nur neue Infrastruktur, sondern auch einen direkt nutzbaren Baustoff. Erstmals wird Aushubmaterial aus dem Tunnelbau systematisch in die industrielle Ziegelproduktion integriert. Aus dem Ton der U2-Verlängerung entstehen bis zu 2,8 Millionen Ziegel. Für Bauunternehmen und Planer ist das ein praxisnahes Beispiel dafür, wie Kreislaufwirtschaft im urbanen Raum funktionieren kann.
Ab Mai sind die „U-Bahn-Ziegel“ im regulären Baustoffhandel erhältlich und können ohne Einschränkungen im Wohn- und Objektbau eingesetzt werden.
Vom Aushub zum marktfähigen Produkt
Das Projekt wird von Wiener Linien und wienerberger umgesetzt. Ziel ist es, den beim Tunnelbau anfallenden Ton nicht zu deponieren, sondern als Rohstoff weiterzuverwenden. Bisher wurden rund 35.000 Kubikmeter Erdmaterial aus dem Tunnelvortrieb gewonnen. Dieses Volumen reicht aus, um etwa 2,8 Millionen Ziegel zu produzieren – genug für rund 1.000 Einfamilienhäuser.

Der Aushub stammt aus dem Abschnitt bis zum Matzleinsdorfer Platz. Dort wird das Material gebündelt und anschließend zu den Werken in Hennersdorf und Göllersdorf transportiert. In den Anlagen erfolgt die Verarbeitung unter denselben Bedingungen wie bei konventionell gewonnenem Ton.
Gleichwertige Qualität in allen Leistungsparametern
Für die Baupraxis ist die Materialqualität entscheidend. Genau hier setzt das Projekt an: Die Ziegel aus Tunnelaushub entsprechen in allen wesentlichen Eigenschaften den etablierten Produkten.
Johann Marchner betont in diesem Zusammenhang, dass die Ziegel „dieselben Qualitätsstandards wie alle unsere Ziegel erfüllen – bei Statik, Dämmung und Schallschutz – und genauso für Wohn- und Objektbauten eingesetzt werden können“. Damit ist sichergestellt, dass der Einsatz ohne Anpassungen in Planung oder Ausführung möglich ist.
Durchgängige Stoffstromkette
Das Projekt zeigt, wie sich eine funktionierende Kreislaufwirtschaft entlang der gesamten Wertschöpfungskette umsetzen lässt. Der Tunnelaushub wird direkt im Bauprozess als Rohstoff definiert und anschließend in eine industrielle Produktionskette überführt.
Ein wesentlicher Vorteil liegt in der regionalen Struktur. Die kurzen Transportwege zwischen Baustelle und Werk reduzieren sowohl Emissionen als auch logistischen Aufwand. Gleichzeitig sinkt der Bedarf an Deponiekapazitäten. Dadurch entsteht ein wirtschaftlich tragfähiges Modell, das ökologische und betriebliche Anforderungen miteinander verbindet.
Politische Einordnung und Perspektive
Auch seitens der Stadt wird das Projekt als richtungsweisend bewertet. Ulli Sima verweist darauf, dass aus dem U2xU5-Aushub insgesamt 2,8 Millionen Ziegel entstehen, „genug für rund 1.000 Einfamilienhäuser“, die zudem in der Region produziert und vermarktet werden.
Jürgen Czernohorszky bezeichnet das Projekt als „großartiges Beispiel für einen nachhaltigen Einsatz von Ressourcen“ und sieht darin ein Signal für weitere Anwendungen im Infrastrukturbereich. Tatsächlich wird bereits geprüft, ob sich der Ansatz auf kommende Ausbauabschnitte übertragen lässt.
Relevanz für Baupraxis und Maschinenbranche
Für Bauunternehmen und ausführende Betriebe ergeben sich daraus konkrete Vorteile. Die Verwertung von Aushubmaterial reduziert den Bedarf an Primärrohstoffen und wirkt sich gleichzeitig positiv auf Entsorgungs- und Deponiekosten aus. Zugleich bleibt die Materialqualität konstant, sodass bestehende Bauprozesse unverändert weitergeführt werden können. Gerade vor dem Hintergrund steigender regulatorischer Anforderungen gewinnt dieser Ansatz zusätzlich an Bedeutung.
Für die Branche wird damit deutlich: Aushubmaterial entwickelt sich zunehmend vom Entsorgungsproblem zum wirtschaftlich nutzbaren Rohstoff.
Infrastrukturprojekt als Innovationstreiber
Das zugrunde liegende U2xU5-Projekt zählt zu den größten Infrastrukturvorhaben Österreichs. Neben dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs fungiert es zunehmend auch als Plattform für Innovationen im Bauprozess.
Damit zeigt sich, dass große Infrastrukturprojekte nicht nur Kapazitäten schaffen, sondern auch neue Standards im nachhaltigen Bauen setzen können.
Fazit
Das Wiener Pilotprojekt liefert eine praxistaugliche Vorlage für den Umgang mit Tunnelaushub im urbanen Raum. Entscheidend ist die frühzeitige Integration in Planung, Logistik und Verarbeitung. Für die Bauwirtschaft bedeutet das einen klaren Perspektivenwechsel: Aushub ist kein Abfall mehr, sondern ein Rohstoff mit konkretem wirtschaftlichem Nutzen.
Bild oben, v.l.: Johann Marchner, Country Managing Director, wienerberger Österreich, Ulli Sima, Öffi-Stadträtin, Jürgen Czernohorsky, Klimastadtrat und Gudrun Senk, technische Geschäftsführerin Wiener Linien, mit dem neugebrannten Ziegel aus dem U-Bahn-Aushub.

