Beim Bau der zweiten Röhre des Gotthard-Strassentunnels (secondo tubo) ist ein entscheidender Bauabschnitt erfolgreich bewältigt worden. Ende April 2026 durchschlug die Tunnelbohrmaschine (TBM) von Herrenknecht im Nordlos nach rund 3,8 Kilometern kontinuierlichem Vortrieb die sogenannte Störzone Nord präzise in den bereits zuvor ausgebrochenen Hohlraum. Dieser Durchbruch markiert einen technisch hochanspruchsvollen Moment im Untertagebau unter den Alpen und beweist die Leistungsfähigkeit der ausführenden ARGE secondo tubo (bestehend aus Implenia und Frutiger) im Auftrag des Schweizer Bundesamts für Strassen (ASTRA).
Für Tunnelbau-Spezialisten in Österreich und ganz Europa verdeutlicht dieses Projekt die aktuellen technischen Grenzen und Möglichkeiten bei hochkomplexen Infrastrukturprojekten im alpinen Raum.
Präziser Vortrieb unter extremen geologischen Bedingungen
Der Vortrieb im Nordlos, das von Göschenen im Kanton Uri in Richtung Süden verläuft, startete im Februar 2025. Die eingesetzte Tunnelbohrmaschine vom Typ Einfachschild-TBM, liebevoll auf den Namen „Alessandra“ getauft, misst beeindruckende 12,225 Meter im Durchmesser. Sie arbeitet sich durch eine äusserst wechselhafte und anspruchsvolle Geologie, die von hartem, blockigem Granit bis hin zu stark quarzhaltigen Zonen reicht, die massiven Materialverschleiss verursachen.
Trotz dieser harschen Bedingungen erreicht die Maschine Vortriebsleistungen von bis zu 32 Metern pro Tag. „Das ist eine toughe Leistung der Vortriebsmannschaften im knallharten Gotthard-Fels“, betont Dr.-Ing. E.h. Martin Herrenknecht, Vorstandsvorsitzender der Herrenknecht AG.
Dimensionen der TBM „Alessandra“ im Überblick
| Technische Komponente | Spezifikation / Leistung | Praxisrelevanz im Vortrieb |
| Bohrkopf-Antrieb | 15 Elektromotoren, 5.250 kW | Entspricht der Leistung von sieben Formel-1-Wagen; sichert konstante Rotation im Hartgestein |
| Vortriebskraft | Hydraulikzylinder mit 95.000 kN | Erzeugt den notwendigen Anpressdruck (entspricht dem Gewicht des Eiffelturms) auf die Ortsbrust |
| Abbauwerkzeuge | Rollenmeissel (Disk Cutter) | Brechen das Gestein aus der Ortsbrust; erfordern regelmässigen, logistisch getakteten Wechsel |
| Maschinenlänge | ca. 100 Meter (inkl. Nachläufer) | Beherbergt alle Systeme für Ausbruch, Sicherung, Materialabtransport und Versorgung |
Zentrale Verschleisskomponenten bei diesen extremen Druck- und Reibungsverhältnissen sind die Schneidrollen im Bohrkopf. Johannes Faißt, Projektmanager bei Herrenknecht, erklärt die Strategie: „Mit hochwertigen Schneidrollen aus unserem Werk und einer eng abgestimmten Logistik konnten wir den Vortrieb entscheidend unterstützen.“
Die Strategie der kombinierten Vortriebsmethoden
Der nun durchfahrene Abschnitt der Störzone Nord (Mesozoikum) stellt eine geologische Besonderheit dar. Aus den Erfahrungen beim Bau der ersten Röhre (Fertigstellung 1980) und des Service- und Infrastrukturstollens (SISto) wussten die Planer, dass der maschinelle Vortrieb mit einer TBM durch diese rund 400 Meter lange, tektonisch gestörte Zone technisch sehr schwierig und ineffizient wäre.
Daher wählte man eine hybride Strategie: Über einen separaten Zugangsstollen wurde die Störzone bereits im Vorfeld konventionell (mittels Spreng- und Baggervortrieb) ausgebrochen und gesichert. Die rund 100 Meter lange TBM wird nun in den kommenden Wochen durch diese riesige Kaverne gezogen. Diese Phase wird gleichzeitig für umfassende Wartungsarbeiten an der Maschine genutzt, bevor „Alessandra“ die verbleibenden rund vier Kilometer des Nordloses in Richtung Süden in Angriff nimmt.
Logistik und Workflow: Ein gigantisches Puzzle
Ein Tunnelprojekt dieser Grössenordnung – mit Gesamtkosten von rund 2,14 Milliarden Schweizer Franken – erfordert eine perfekte Synchronisation aller Gewerke. «Bis wir hierher kamen, musste sehr viel miteinander funktionieren und geplant werden», erklärt Gabriela Walker, Ingenieurgeologin bei Implenia.
Jeder Fehler im Workflow kann fatale Folgen für den Baufortschritt haben. «Die TBM benötigt eine genaue Planung, um die Produktion zu optimieren. Tritt ein Fehler auf, steht der gesamte Betrieb still», erläutert TBM-Meister Alain Balatti. Da der Ausbruch direkt an die Aussenarbeiten am Portal anschliesst, müssen Materialabtransport (über 7,4 Millionen Tonnen Ausbruchmaterial werden grösstenteils per Bahn abtransportiert), Tübbing-Zulieferung und Maschinenwartung nahtlos ineinandergreifen.
Parallel zum Nordlos läuft auch der Vortrieb des Südloses von Airolo aus, wo die Spezialisten der Marti AG eine weitere Herrenknecht-TBM betreiben. Auch hier wurde eine Störzone (Guspis) erfolgreich konventionell bewältigt, sodass der maschinelle Vortrieb in Richtung Norden zeitnah fortgesetzt werden kann.
Bild oben: Die Tunnelbauer von Implenia und Frutiger feiern am Gothard den Durchbruch mit der Herrenknecht-TBM.

